Asimov 1: Der 20.000 $ IKEA-Humanoid für Roboter-Bauer

Wer schon einmal einen der hochglanzpolierten humanoiden Roboter von Boston Dynamics oder 1X gesehen und sich gedacht hat: „Das könnte ich auch, wenn ich nur einen Reinraum und ein millionenschweres Venture-Capital-Budget hätte“, für den hat das in Singapur ansässige Startup Menlo AI jetzt genau das Richtige. Das Projekt hört auf den Namen Asimov 1, und für den gleichen Preis von 20.000 US-Dollar (ca. 18.500 €), den man für eine Vorbestellung des 1X Neo hinblättert, bekommt man hier eine völlig andere Vision der Zukunft. Statt eines eleganten, autonomen Butlers erhält man nämlich erst einmal einen Haufen Einzelteile in einer Kiste.

Wir sprechen hier quasi vom IKEA-Bausatz der bipedalen Robotik – inklusive einer Stückliste, die jede Kreditkarte zum Glühen bringt, und einer Bauanleitung für ein Projekt, das schätzungsweise über 100 Arbeitsstunden verschlingt. Es ist ein mutiger, fast schon absurd nerdiger Gegenentwurf in einer Welt, die besessen von schlüsselfertigen „Turnkey“-Lösungen ist. Und genau deshalb könnte es ein genialer Schachzug sein.

Ihr nächstes 100-Stunden-Projekt

Machen wir uns nichts vor: Der Asimov 1 ist kein Spielzeug. Es handelt sich um eine ernsthafte Forschungsplattform, die sich als das komplexeste LEGO-Set der Welt tarnt. Mit einer Größe von 1,2 Metern und einem Gewicht von 35 kg besteht sein Rahmen aus einer Mischung aus CNC-gefrästem 7075er Aluminium für die tragenden Strukturen und Multi-Jet-Fusion-PA12-Nylon für den Rest. Das ist kein wackeliges 3D-Druck-Hobbyprojekt; hier wurde auf Wiederholgenauigkeit und Robustheit Wert gelegt.

Der Roboter verfügt über 25 angetriebene Gelenke plus zwei passive, federbelastete Zehengelenke, was ihm insgesamt 27 Freiheitsgrade verleiht. Das ermöglicht durchaus respektable, wenn auch keine weltmeisterlichen Leistungsdaten: 5 kg bei Kniebeugen, 18 kg beim Seitheben pro Arm und eine Gehgeschwindigkeit von 3 km/h bei einer Akkulaufzeit von zwei Stunden.

Diagramm des humanoiden Roboters Asimov 1, das die Positionen aller Gelenkmotoren zeigt.

Gesteuert wird das Ganze durch ein cleveres Dual-Computer-Setup. Ein Raspberry Pi 5 übernimmt die High-Level-Aufgaben – Netzwerk, Audio und die Verarbeitung der Daten der monokularen 2-MP-Kamera sowie des Mikrofon-Arrays. Ein spezialisierteres Radxa CM5-Board kümmert sich derweil um die harte Echtzeit-Motorsteuerung. Eine pragmatische Designentscheidung, die Zugänglichkeit und Kosteneffizienz über exotische, proprietäre Hardware stellt.

Eine offene Plattform in einer geschlossenen Welt

Die Kernphilosophie des Asimov 1 ist radikale Transparenz. Während die meisten Robotik-Unternehmen ihre Designs wie Staatsgeheimnisse hüten, hat Menlo AI alles auf GitHub veröffentlicht: die CAD-Dateien, die Schaltpläne und die vollständige Stückliste (BOM). Man muss nicht einmal den Bausatz für 20.000 Dollar kaufen; theoretisch könnte man jede Schraube, jede Mutter und jeden Aktuator selbst beschaffen. Das Unternehmen merkt jedoch an, dass Bastler durch deren Mengenrabatte etwa 11.000 Dollar im Vergleich zum Einzelkauf der Teile sparen.

Diese Offenheit ist eine direkte Antwort auf eine weit verbreitete Frustration in der Forschungsgemeinde. Als ein Nutzer auf X fragte, warum man nicht einfach einen 1X Neo kaufen sollte, war die Antwort des Unternehmens bezeichnend.

Asimov Inc (der Account des Projekts) erläuterte diese Philosophie weiter:

„Es ist ein Roboter, den man sich zu eigen machen kann. Wir glauben, dass Tausende von Entwicklern gemeinsam bessere Roboter bauen können, wenn ihnen jemand ein offenes Fundament bietet. Genau dafür ist der Asimov 1 da.“

Das bringt uns zum auffälligsten Mangel: Der Roboter hat keine Hände. Das ist kein Versehen, sondern ein Statement. Menlo AI liefert die Plattform, die Beine, den Torso, das Gehirn – die grundlegenden Elemente der humanoiden Fortbewegung und Steuerung. Es liegt an der weltweiten Community von Entwicklern und Forschern, zu entscheiden, was sie mit dieser Plattform anfangen. Es ist eine „Bring-Your-Own-Endeffektor“-Party, und jeder ist eingeladen.

Eine Geschichte von zwei 20.000-Dollar-Humanoiden

Der Kontrast zum 1X Neo könnte kaum größer sein. Beide Plattformen kosten rund 20.000 Dollar, aber sie repräsentieren zwei grundlegend unterschiedliche Visionen der Zukunft.

  • 1X Neo: Ein poliertes Consumer-Gerät. Er wird komplett montiert geliefert und ist bereit, (irgendwann) Haushaltsaufgaben zu erledigen. Er ist deutlich stärker und kann bis zu 70 kg heben, fungiert aber als „Black Box“. Man ist ein Nutzer ihrer Plattform.
  • Asimov 1: Ein transparenter, entwicklerfokussierter Bausatz. Er kommt in Einzelteilen und erfordert erhebliches technisches Geschick beim Zusammenbau. Seine Fähigkeiten sind bescheidener, aber jeder Aspekt kann modifiziert und inspiziert werden. Man ist ein Entwickler auf ihrer Plattform.

Das ist kein direkter Wettbewerb, sondern eine Aufspaltung des Marktes. Der Neo ist für diejenigen, die die Dienstleistung eines Humanoiden wollen, während der Asimov 1 für diejenigen gedacht ist, die definieren wollen, wie diese Dienstleistung überhaupt aussieht.

Dieser Open-Source-Ansatz könnte als mächtiger Beschleuniger für das gesamte Feld wirken. Durch die Bereitstellung einer gemeinsamen, erschwinglichen und robusten Hardware-Basis schafft Menlo AI einen Standard, auf dem Forscher neue KI-Modelle und Steuerungsstrategien testen können. Anstatt das bipedale Rad jedes Mal neu zu erfinden, können sich Labore nun auf das Gehirn, die Software und die Anwendungen konzentrieren. Die Zukunft der Robotik wird vielleicht nicht in einem einzigen, geheimen Konzernlabor geschmiedet, sondern in tausend verschiedenen Garagen und Universitäten weltweit zusammengebaut, debuggt und perfektioniert.